Im Norden des Ostens

Einer der letzten Fischer – von Antje Fleischhauer

Einer der letzten Fischer

Auf dem Fischland gibt es noch 10 aktive Fischer. Von Jahr zu Jahr werden es in ganz Mecklenburg-Vorpommern weniger. Einige von ihnen haben sich zusätzliche Verdienstmöglichkeiten gesucht. Zu ihnen gehört Fischer Fritz Krull.

Die Fischländer haben sich längst an die vielen Touristen gewöhnt, die jahraus-jahrein die Halbinsel Darß/Fischland an der Ostsee überschwemmen. Sogar im Winter, zu Weihnachten und Silvester, wenn das Eis im Bodden gefroren ist und ein schmerzhaft kalter Wind auf der Westseite über den Strand fegt, sind die unzähligen Ferienwohnungen und Ferienhäuser belegt.

Auch bei Fischer Fritz kann man wohnen. Das imposante Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert ist noch den ganzen September hindurch und bis in den Oktober hinein ausgebucht. Keine Chance in eine der 7 Wohnungen zu kommen, um sich in Zimmer Aal, Zander, Dorsch oder Knurrhahn fischmännisch inspirieren zu lassen. Aber zu einem Gespräch ist Fischer Fritz, alias Fritz Krull, gern bereit. Gegen 8.30 Uhr betrete ich das Grundstück. Der Garten ist spätsommerlich gefärbt. Rote Äpfel und bunte Weinblätter leuchten mir entgegen. Die letzten Sommersonnenstrahlen sorgen für ein finales Fest der Natur. Fischer Fritz steht auf dem Hof und sieht mir entgegen. Er legt Wert auf Pünktlichkeit, das merkt man ihm an. Zufrieden nickt er mir zu. Sein dunkelblaues Fischerhemd mit den weißen Streifen steht ihm gut und es passt zugegebenermaßen zu meiner Vorstellung von einem Fischer. Ansonsten wirkt er nicht alt, Mitte 50 vielleicht, das gelbe Basecap auf dem Kopf und die lebendigen Augen darunter machen ihn jung. Er ist 62. Die Fischerei scheint ihm gut getan zu haben.

Wir gehen am Haus vorbei an den kleinen Hafen am Bodden, den er sich mit einem Nachbarfischer teilt. Der Weg ist gesäumt von Aalreusen, die zum Trocknen aushängen. Aneinander gereiht ergeben sie eine imposante Länge von etwa 200 Metern. Mit dem großen Holzsegler, der im Hafen liegt, hat Fritz Krull zwei Tage zuvor noch an der Zeesboot-Regatta teilgenommen. Ob er rotbraune Segel hat? „Nein.“ Und das geht auch? „Ja.“ Zum Fischen nimmt er den weißen Plastik-Kutter von 5,60 m Länge mit 10-Ps-Motor. „Das Boot fängt schnell Wasser“, erzählt er, „besonders wenn es stürmt“. Darum fährt er im Winter nur bei ruhiger See hinaus. Was macht er, wenn das Eis gefroren ist? „Klapper-Fischen“, sagt er. Eine alte Fischertechnik, die gegen Kriegsende mit den Flüchtlingen aus Ostpreußen hierher kam. Die Einheimischen schlichen den Fremden heimlich nach und schauten ihnen die Technik ab. Sie praktizieren sie bis heute auf dem Fischland. Dabei schlägt man mit einer Axt ein etwa Tisch-großes eckiges Loch in das Eis und schiebt vier 20m-lange Stangen mit daran befestigten Netzen darunter. Ein langes Holzbrett wird über das Loch gelegt und mit einem Holzhammer darauf geschlagen. „Klappern“ nennen sie es. Ob die Fische aufgescheucht oder angelockt werden? „Aufgescheucht!“ Fischer Krull lacht. „Sonst könnte man den ganzen Tag an einem Loch sitzen.“ Ganz so einfach ist es nicht: „Hat man Fische getroffen, macht man alle 100 m ein Loch.“

Die Leidenschaft fürs Fischen ist ihm an diesem Morgen anzumerken. Er will sehen, was in den Netzen ist. Routiniert packt er seine blaue Fischkiste ins Boot, zieht seine orangefarbene Fischerhose an und legt ab. Um 11 Uhr will er zurück sein. Er wird die Stellnetze abfahren, die dort draußen liegen und Netz für Netz nachschauen, was er gefangen hat. Am liebsten ist ihm Boddenzander, Hering gibt’s nur im Greifswalder Bodden, wo er nicht mehr so oft hinfährt. Früher, ja früher oft. Aal? „Gibt’s immer weniger“, klagt er. Für den Zander nimmt er stehende Netze, die Fische bleiben mit den Kiemen in den Maschen hängen. Kiemennetze heißen sie deshalb. Kein schöner Anblick, aber so ist die Fischerei eben, ein harter Beruf. Besonders im Winter, wenn es kalt und ungemütlich wird auf See. Aber Fischer Fritz winkt nur ab, als ich ihn darauf anspreche und erzählt lieber von den Kormoranen, die zur ernsthaften Konkurrenz werden. „Die Kormorane fischen viel weg“, sagt er. „Die sitzen auf den Netzen und holen sich einen Fisch nach dem anderen“. Was man dagegen tun kann? „Nichts, jagen darf man sie ja nicht.“ Der Kormoran wurde gerade vom Naturschutzbund Deutschland und dem Landesbund für Vogelschutz Bayern gerade zum „Vogel des Jahres“ gewählt. Und dies obwohl sich die Kormoran-Bestände in Europa in den letzten 25 Jahren auf geschätzte 1,8 Millionen Tiere verzwanzigfacht haben.

Um 11 Uhr ist Fritz Krull von den Stellnetzen zurück. Wir sitzen bei einer Tasse Café auf der Terrasse seines Hauses. Der Blick schweift über den Garten. Schön ist es hier, richtig paradiesisch. Seine Schwester aus dem Nachbarhaus kommt vorbei. Sie will Fisch für die Besucher kochen. Ja, er hat genug, sagt er. Er bringt ihn später vorbei. Der Fang war erfolgreich. Wie er denn zur Fischerei gekommen ist, frage ich ihn? „Naja. Das ist eigentlich ein Bauernhof hier“, sagt er. „Aber Bauer wollte ich nicht werden, weil mein Vater dabei tödlich verunglückt ist. Zu DDR-Zeiten war aber für den Sohn eines Bauern nur die Ausbildung in der Landwirtschaft vorgesehen. Also musste ich mir etwas anderes überlegen.“ Er ging er nach Johnsdorf bei Zittau und begann eine Lehre als Maschinenbauer. Dort wussten sie nichts von seinem Vater und der Landwirtschaft und stellten ihn ein. Doch das Meer ließ ihn nicht los. Nach seiner Ausbildung heuerte er als Matrose auf einem Übersee-Tanker an und fuhr von Rostock in den Iran und zum Suez-Kanal. 1981 wurde in der FPG „Fischland“, der regionalen Fischereigenossenschaft, der Platz eines Fischers frei. „Da habe ich Glück gehabt“. Nur weil jemand wegen Krankheit ausschied, konnte Fritz Krull nachrücken. Die Fischereiplätze waren begehrt. Er hat nicht lange überlegt.

Er liebt seinen Beruf bis heute, wie so viele hier im Norden. Die Fangquotenregelungen der EU setzen auch ihm zu, aber mehr noch treffen sie die großen Kutterfischer in Freest, Wieck oder Saßnitz. Ende September 2009 kamen 30 von ihnen aus Schleswig-Holstein, MV und Dänemark nach Saßnitz, um zu protestieren. „Seit 2007 wurde die Heringsquote in mehreren Schritten um absolut 56 % gekürzt“, sagt Norbert Kahlfuß, Vorsitzender des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer MV. „Diese Regelung ist verheerend.“ Die Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern ist stark gefährdet. Eine jahrhundertealte Tradition droht dem Land verloren zu gehen. Schon jetzt müssen sich die Fischer nach Alternativen umschauen: Kutterfahrten, Räuchereien und die Vermietung von Ferienwohnungen sollen in Zukunft die Einnahmen sichern. Die Fischerei wird allmählich zur Nebensache. Dabei wollen die meisten von ihnen nichts mehr, als mit Fischfang ihr Geld zu verdienen. „Eine weitere Kürzung (der Heringsfänge) bedeutet das Ende vieler Fischereibetriebe und der Küstenfischerei“, sagt Lorenz Marquardt vom Landesfischereiverband S-H. Der Hering wird immer mehr zum Politikum. Die Fischer sprechen von einer rekordverdächtigen Bestandsdichte in diesem Jahr. Die Wissenschafter des ICES, Berater der EU-Kommision in Fragen der Fangquotenregelungen, dagegen sehen die Heringsbestände noch nicht als erholt an. Vielleicht würde es tatsächlich helfen, wie Werner Kuhn, Mitglied des Europäischen Parlaments vorschlägt, wenn die Wissenschaftler mit den Ostseefischern hinausführen, um die Fischbestände in der Praxis zu erleben. Die Fischer in MV fordern dies seit Jahren. Bisher ist noch niemand darauf eingegangen.

Fritz Krull kennt die Probleme anderer Fischer in der Umgebung. Er selbst hat Glück gehabt, er hat sein Haus auf dem Fischland. Um ausreichend Gäste muss er sich keine Sorgen machen. Seine Tochter kümmert sich um die Vermietung. Für ihn bleibt genug Zeit, um fischen zu gehen. Nun trinkt er seinen Kaffee aus und verabschiedet sich. Er hat die Zeit aus den Augen verloren. Das Mittagessen muss gekocht werden. Fisch? „Ja, warum nicht?“

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http://www.antjefleischhauer.de/

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